Afghanistan muss sich um mehr sorgen als US-Basen

BBC News Asien, 3. Januar 2014

Von Ahmed Rashid

 

Die erbitterte Debatte zwischen den USA und Afghanistan setzt sich fort, wann – und zu welchen Bedingungen – Präsident Hamid Karzai die Vereinbarung unterzeichnen wird, um den US-Truppen Stationierungs-Rechte nach 2014 zu gewähren. Gastkolumnist Ahmed Rashid argumentiert, dass die derzeitige Sackgasse die Aufmerksamkeit von wesentlich wichtigeren Problemen ablenkt, die die zukünftige Entwicklung der Stabilität in Afghanistan tatsächlich bestimmen.

Niemand weiss sicher, was in Afghanistan nach 2014 passieren wird. Die Spekulationen sind riesig, der Rahmen möglicher Szenarien irrsinnig, und die Unkenntnis reicht vom amerikanischen Außenministerium bis zu den Gebirgszügen von Khost.

Dennoch, es war der militärische Übergang und die Frage, wie viele US-Soldaten verbleiben werden und zu welchen Bedingungen, die Washington und Kabul beschäftigten. Die Wahrheit ist, dass der militärische Wandel vielleicht einfacher ist als die Lösung anderer Probleme.

Kritischer Faktor. Gegenwärtig befinden sich noch westliche Soldaten im Land, von 150 000 im vergangenen Jahr. Im nächsten Frühling werden es weniger als 40 000 sein und zum Ende des Jahres 2014 Null – mit Ausnahme der kleinen Ausbildungseinheit, die von den USA zurückgelassen werden soll.

Das kritischste Moment in den nächsten 12 Monaten ist der politische Wandel und ob die Präsidentschaftswahlen nächsten April verhältnismäßig frei und gerecht sein werden, und eine legitime Regierung ergeben, die für die Mehrheit der Afghanen akzeptabel ist.

Vorsicht ist vorrangig bei Gesprächen über Wahlen in Afghanistan. An ihnen misst sich die zukünftige Stabilität des Landes – nicht an der Stärke der Taliban-Angriffe oder daran wie viele US-Soldaten bleiben.

Präsident Hamid Karzai, der nicht erneut kandidieren kann, wird zweifellos einen Favoriten unter den 11 bisher angetretenen Kandidaten auswählen, den er unterstützt. Herr Karzai wird sicher gehen wollen, dass er den Kandidaten auswählt, der ihn und seine umfangreiche Familie am besten beschützen kann, vor allem vor Korruptionsvorwürfen.

Die wahrscheinlichsten Kandidaten, die von seiner Unterstützung profitieren werden sind sein Bruder, Quaum Karzai, oder sein Außenminister, Zalmai Rassoul.

Die Schwierigkeit ist, dass die Wahlen von 2009 in Afghanistan so umfassend als manipuliert verdammt wurden, im Verlauf wurde beinahe ein Bürgerkrieg geschürt, dass es dem Vorgang 2014 – und dem erwarteten Ergebnis – an Glaubwürdigkeit mangelt. Wenn die Dinge nur halb so schlecht wie beim letzten Mal laufen, kann für nichts mehr garantiert werden.

Druckpunkte

Wie Herr Karzai die ethnische Karte spielt, wird von entscheidender Bedeutung sein.

2009 beanspruchte er eine magere Mehrheit durch die Unterstützung seiner angehörigen Paschtunen im Süden und Osten des Landes gewonnen zu haben, wo die Wahlen am meisten manipuliert wurden.

Die Nicht-Paschtunen – die Tadschiken, Usbeken, Hassaras und andere ethnische Gruppen im Norden und Westen – weigerten sich die Ergebnisse hinzunehmen, bis Vermittler der USA einschritten und der nördliche Kandidat Abdullah Abdullah bereitwillig von seiner Forderung nach einer Wiederholung absah. Dieses Bild könnte sich im kommenden April durchaus wiederholen, mit weit vernichtenderen Ergebnissen.

Dieses Mal werden die Nicht-Paschtunen nicht klein beigeben wenn sie denken, Herr Karzai habe die Wahlen manipuliert. Der Westen verfügt über keine Hebel oder Druckmittel, die man bei dem Regime ansetzen kann, um es kompromissbereit zu machen – und es ist unwahrscheinlich, dass Hilfen als Waffe eingesetzt werden.

Der größte Fehler in den letzten beiden Jahren war die Aufgabe jeglicher Kontrolle, die über den letzten Wahlvorgang von den USA, der UNO, NATO und anderen westlichen Körperschaften ausgeübt wurde.

Ebenso fehlt es an wirtschaftlichem Wandel. Trotz der 100 Milliarden Dollar (61,1 Milliarden $, 72,4 Milliarden €), die seit 2001 für soziale Einrichtungen im Land ausgegeben wurden, hat der Westen versagt eine einheimische Industrie zu schaffen, die Arbeit für die Jugend und Einnahmen für den Staat beiträgt.

Die Tausende ausgebildeter und pro-demokratischer Afghanen, die für ausländische Truppen gearbeitet haben werden ohne Perspektive auf der Straße stehen. Viele von ihnen werden ins Ausland fliehen und zu illegalen Emigranten werden.

Washington und Kabul konzentrieren sich unzulänglich auf ein mögliches wirtschaftliches Chaos, wenn die westlichen Truppen gehen und die Hilfspakete schrumpfen.

Das (nämlich) die Versprechen der USA und der NATO 8 Millarden Dollar im Jahr (4,9 Milliarden £, 5,8 Milliarden €) für das Militär und die Wirtschaft beizutragen innerhalb eines Jahres auslaufen, da wenige in den USA und Europa in der Stimmung für weitere Rechnungen sind, vor allem wenn der Bürgerkrieg sich fortsetzt.

Versöhnung. Ein regionaler Wandel wird auch gar nicht oder kaum beachtet – die diplomatischen Bemühungen, die nötig sind um Nachbarländer wie den Iran, Pakistan, China, die zentralasiatischen Republiken oder wichtige nächstgelegene Nachbarn wie Indien, Russland und Saudi-Arabien in ein Boot zu bekommen um ein Abkommen zu entwerfen, das Einmischung in Afghanistans Angelegenheiten unterbindet. Und die Bewaffnung und Finanzierung ihrer verbündeten Kriegsherren, wie sie es in den 90-ern taten, was zu einem verheerenden Bürgerkrieg führte.

Diese Wandel bedürfen, in erster Linie, Aussöhnung mit den Taliban und Abkommen, die sie ins politische System intergrieren, statt sie als Feinde auf der Straße stehen zu lassen.

Das Eifern auf Versöhnung zu Beginn des Jahres ist erloschen.

Gespräche könnten fortgesetzt werden, wenn es im April einen neuen Präsidenten gibt, den man von überall unterstützt und dem die Taliban vertrauen könnten. Aber sind die Amerikaner und die NATO bereit, solche Gespräche zu unterstützen?

Wenn diese wichtigen Punkte nicht jetzt mit Herrn Karzai diskutiert werden, könnten die Folgen schrecklich sein.

Manipulierte Wahlen und die Fortsetzung des Krieges mit den Taliban könnten zu Tausenden Toten führen, zehntausenden Flüchtlingen, einer humanitären Krise und internationalen Terroristengruppen, die nach Afghanistan zurückkehren.

Die Welt wird nicht bereit sein noch einmal einzugreifen, und die Nachbarstaaten werden Geld und Waffen fließen lassen um zu versuchen, Kontrolle über einige der Warlords zu gewinnen.

Da die Amerikaner gehen und um diese anstehenden Probleme zu untermalen, was vonnöten ist, ist ein von Hause aus neutraler Vermittler, der allen Faktoren in dieser komplexen Gleichung gerecht dazu verhelfen kann, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Die Vereinten Nationen oder die EU oder vereinzelte, unumstrittene Länder wie Norwegen oder Deutschland könnten eine derartige Rolle spielen.

Die Tragödie besteht darin, dass der von den USA und der NATO geführte Krieg potentielle Friedensstifter und Vermittler geschwächt hat. Wir müssen uns jetzt auf den Rückzug des Westens durch eine große massive westliche diplomatische Initiative vorbereiten, die westliche Militärkräfte ersetzen wird.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin

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