Afghanistan: Es ist zu spät

The New York Review of Books. 18. Juni 2017

Von Ahmed Rashid

Als Donald Trumps Verteidigungsminister, James Mattis, diese Woche vor den Verteidigungsausschuss gerufen wurde um über den Konflikt in Afghanistan auszusagen, war er ungewöhnlich offen. „Wir gewinnen in Afghanistan gerade nicht.“ sagte er. Die Taliban führten eine entscheidende Offensive, gab er zu, die Sicherheitslage verschlechtert sich weiterhin, und die afghanische Regierung hält entschieden weniger Territorium als vor einem Jahr. Mit anderen Worten, Aussichten auf ein irgendwie geartetes positives Ende sind so entfernt, wie sie in diesem sechzehnjährigen Krieg noch nie waren – dem längsten Krieg in der amerikanischen Geschichte.

Dennoch besteht Trumps – und Mattis – Lösung für diesen nicht gewinnbaren Krieg wieder einmal in der Entsendung von mehr Truppen. Am Dienstag kündigte Trump an, dem Militär selbst werde die volle Befugnis überlassen, zu entscheiden wie viele Truppen es benötigt. (Indem er alle Entscheidungen zu Händen des Militärs beließ, hat er die übliche Koordinierungstreffen aufgegeben, vor allem mit dem Außenministerium.) Und Mattis spricht von einer Prüfung, die im Juli beendet werden soll, die zu einer Aufstockung von 5000 Soldaten führen könnte. Es dürfte zu spät sein.

Afghanistan steht vor einer tieferen Krise, als viele zu verstehen scheinen. Kriegsherren und Politiker – einschließlich Kabinettsmitglieder – fordern den Rücktritt von Präsident Ashraf Ghani und seiner Sicherheitsminister, sie beschuldigen sie der Inkompetenz, der Arroganz, und der Verhetzung. Es finden nicht weniger als zehn öffentliche Demonstrationen am Tag in den Straßen von Kabul statt, veranstaltet von jungen Menschen und von Verwandten derjenigen, die bei kürzlichen Bombenangriffen ums Leben kamen.

Anfang Juni kamen bei mehreren Selbstmordanschlägen in Kabul mehr als 170 Menschen um und etwa 500 wurden verletzt. Terroristen gelang es, eine große LKW-Bombe in das schwer bewachte Diplomatenviertel zu schaffen, wo sie explodierte und hauptsächlich Zivilisten tötete – ein klarer Hinweis für geheime Absprache mit Sicherheitsoffizieren. Weder die Taliban noch der Islamische Staat haben Verantwortung angemeldet. Die Taliban haben jetzt mehr Bodenoffensiven begonnen, um mehr Territorium einzunehmen und um die nördliche Stadt Kunduz einzunehmen, eine Stadt mit fast 300 000 Einwohnern, die sie im letzten Jahr zwei Mal zu besetzen versuchten. Würde sie nun an die Taliban fallen, wäre es die erste größere Stadt, die sie zurückerobert haben.

Derweil werden Afghanistans Nachbarn zunehmend unruhig wegen der von den USA angeführten Aufstandsbekämpfung: Pakistan bietet der Taliban-Führung weiterhin Unterschlupf, einschließlich der Haqqani-Gruppe – dem grausamsten Arm der Taliban – während der Iran und Russland ebenfalls Unterstützung bieten (genaue Zahlen sind unbekannt) für die Taliban. Diese regionlen Mächte glauben daran, dass die Taliban ein Bollwerk gegen die Ausbreitung der ISIS in ihre Territorien bilden könnten, und wollen nicht, dass Pakistan seinen Einfluss auf die Taliban monopolisiert. Sie wollen den Einfluss der USA in der Region beschneiden. Der Einfluss der ISIS in Afghanistan, der einmal auf die eine östliche Provinz Nangahar beschränkt war, wächst nun, und die Gruppe hat die Verantwortung für den Schrecklichen Angriff Anfang März auf Kabuls Militärkrankenhaus übernommen, bei dem fünfzig Patienten und Ärzte getötet wurden und fünfzig verletzt.

Doch noch immer gefährlicher als die sich verschlimmernde Sicherheitslage in Kabul entfaltet sich jetzt die politische Krise. Das fehlende Vertrauen zwischen Präsident Ashraf Ghani und seinem Geschäftsführer oder Premierminister, Abdullah Abdullah, hat zu einem Stillstand der Regierungsarbeit und der sozialen Dienstleistungen geführt. Hohe Vertreter in der Armee und der Bürokratie entscheiden sich für eine Seite. Viele Bürokraten und Lehrer sind seit Monaten nicht bezahlt worden, aufgrund der fehlenden Finanzen. Bekannte Kriegsherren, die jetzt Politiker geworden sind, stellen sich zunehmend auf die Seite der Opposition, fordern, dass Ghani zurücktritt und neue Wahlen abgehalten werden.

Ghani ist äußerst unbeliebt. Viele Afghanen betrachten die Regierung inzwischen als illegitim, als ein Regime, das nicht überleben würde, wäre es nicht von den USA und der NATO gestützt, die zusammen über etwa 13 000 Soldaten im Land verfügen. Vor zwei Jahren handelten die USA eine Koalition zwischen Ghani und seinem Gegner Abdullah Abdullah aus, um eine schwer getürkte Wahl zu vertuschen. (Beide Kandidaten haben gemogelt und beide zankten sich monatelang darüber, wer eigentlich gewonnen hatte, bevor die Maerikaner eingriffen.)

Aber Ghani, ein Paschtune, hat die Macht nie ganz mit Abdullah geteilt, einem Tadschiken, und er wurde beschuldigt, die Regierung mit seinen Paschtunenkumpeln vollgestpft zu haben. Kabinettsmitglieder, wie der Außenminister und ein spezieller Vertreter des Präsidenten, und Kriegsherren wie der einflussreiche Ismail Khan aus Herat – alle einst der Koalition loyal – fordern jetzt Ghanis Rücktritt und Neuwahlen, weil sie seine anscheinende Inkompetenz satt haben, seine Arroganz, und seinen Unwillen mit der Koalition zusammen zu arbeiten.

Bisher waren westliche Mächte in der Lage die Regierung an der Macht zu halten, indem sie den Haushalt finanzierten und Gehälter zahlten und die afghanische Armee auf dem Feld unterstützten. Aber es ist immer schwieriger geworden, mit den vorstoßenden Taliban in vielen Teilen des Landes, was die USA und die NATO immer unwichtiger erscheinen lässt. Oppositionspolitiker waren bereit, den Amerikanern zu widersprechen, aber das kann sich ändern.

Angesichts der wachsenden Schamlosigkeit der Talibanangriffe, bestehen jetzt tiefe Klüfte im amerikanischen Sicherheitsrat zwischen denen, einschließlich Mattis, die mehrere tausend Truppen zu einem letzten verzweifelten Aufbäumen um die Regierung zu retten entsenden wollen, und denjenigen, die, wie Berater Steve Bannon, wollen, dass die USA weggehen von einem offensichtlich verlorenen militärischen Unterfangen und einem gescheiterten Staat. Aber Trumps Entscheidung von dieser Woche, die Truppenentscheidung dem Militär selbst zuzuschieben, lässt ahnen dass diejenigen die für eine weitere Truppenverstärkung sind, die Oberhand behlten. Das ist eine aussichtslose Strategie.

Egal wieviele Soldaten Mattis in diesem Sommer schickt, es wird die politische Krise in Kabul nicht verbessern. Ohne klare Absprachen mit der afghanischen Regierung, oder Forderungen dass Ghani eine offenere Regierung schafft und etwas von seiner Macht teilt, werden mehr US-Soldaten die Dinge nur schlimmer machen. Niemand in Washington scheint daran interessiert mehr politischen Druck auf das Regime in Kabul auszuüben, auf Pakistan und die Taliban, mit Verhandlungen anzufangen, die zu einer Waffenruhe und einer politischen Einigung führen könnten.Den Konflikt weiterhin nur als Krieg und durch Truppenzahlen zu verstehen, wie die USA es tun, wird nur zu einer weiteren Auflösung der Legitimität der Regierung und Verlust an Territorium führen. Die Zahl der Talibanangriffe wird steigen, Gebiet wird fortgesetzt verloren, und die Regierung könnte zusammenstürzen. Das ist ein Rezept für Versagen.

Quelle: http://www.ahmedrashid.com/publications/afganistan/articles/

Übersetzung: Thorsten Ramin