Das Geschäft in Dublin

Flann O’Brien

 

Das Geschäft in Dublin

In den vergangenen zehn Jahren hat sich ein krasser Wandel der Gelageausstattung in Dublin vollzogen. Die Kneipe von gestern hatte etwas vom Stall des Augias (Pegasus soll oft davor geparkt worden sein), voll angemessener Unmengen an Sägemehl und Putzmitteln, um zu verhindern, dass die Kundschaft in Schleim und Kotze versinkt. Kein echter Ire könnte sich in einer Kneipe wohlfühlen, bevor er nicht mit trauriger Fresse im Düsteren auf einem klotzigen Stuhl sitzend dem Sausen der Schmeißfliegen lauscht, die über den gelben Toastkäse herfallen. Das gehörte in jenen Tagen einfach zum Saufen dazu. Es geht immerhin um die Männerbeschäftigung an sich, deren Rechnung (jenseits dessen was ein Abstinenzgläubiger zu sagen hätte) keine denkende Frau als anständig erachtet. Der Dämon Rum ist ein Kumpel jener Sorte, mit dem man sich nicht gerne blicken lässt. Auch moderate Trinker akzeptierten sich als stolze Degenerierte und konnten sich wie jeder zirrhotische Whiskey-Junkie, katzenartig die Wand umklammernd, in eine Kneipe schleichen um sich dort in den gemütlichen Ecken voreinander zu verstecken. Eine Kneipe ohne Seitentür zur Straße wäre so angesagt gewesen, wie eine Kneipe mit gar keiner Tür.

Im Vergleich zu früheren Zeiten war die einzige Verbesserung der Barsalon, wo in der dunklen Intimität des Hinterzimmers jeder melonenbehütete Gentleman vom Zählwerk einer riesigen Textilfabrik in Ruhe an seinem scharfen Mit-Tags-Whiskey schlürfen konnte. Solcherlei Orte waren sauber und gemütlich genug, obwohl oft mit unmöglichem Mobiliar von der eisenfüßigen und marmorplattigen Art dekoriert, wie man sie normalerweise in Leichenhallen und Fischläden findet. Neuerdings, warum auch immer, haben wir die Lounge, die Lounge-Bar, den Club, die Eichen-Lounge, die achteckige Lounge, und immer raffiniertere Zechbuden, Brasserie oder Kantine nennt man sie, wo sich unterwürfige Kellner in weißen Jacken unverblümt weigern, dir ein Bier zu geben, selbst wenn dein Arzt Stein auf Bein schwört, dass du nach dem ersten Schnaps tot umfällst.

Es sind diese Etablissements, die dich mit voller Wucht die Reformation der öffentlichen Bekenntnishallen spüren lassen. Der altgediente Formalinhändler, des Trinkers Beichtvater und Berater in allen Lebenslagen, verschwindet. Sein ehrliches Bauerngesicht, seine einfache schwarze Kleidung, seine Gelassenheit und seine funkelnden Armbänder auf den Hemdsärmeln waren fast übernatürliche Symbole, die die heruntergekommenste Kneipe mit einer Mauschel-Atmosphäre, einer Häuslichkeit die viele Männer im Eigenheim kaum finden, ausstattete. Er war das Gedächtnis, das jedes Korn Weisheit aus den lebenslang in Alkohol eingelegten Gesprächen anderer Leute saugte, und sie aufbewahrte. In einem kleinen Köpfchen konnte er ein einmaliges Kompendium aller bekannten Fakten anlegen, ging es um Politik, Frauen, die Gaelische Athletenvereinigung (G.A.A.) und, für sich in einem eigenen Séparée versteckt, einen Brontosaurus an Binsenweisheiten , der zu jedem Ereignis im Kalender einen Spruch parat hatte. Dem natürlichen geistigen Charakter seiner Berufung folgend, diente er bestens der Nächstenliebe seiner Lizenzgemeinde.

Der weissgekittelte Kellner, der den Leberkonservierer in den Kneipen verdrängt hat, mag als Zeichen des allgemeinen Vertrauensverlustes gelten. Das irische Markenzeichen Menschlichkeit, überschwänglich und redselig, erhärtet und schrumpft unter den Hammerschlägen des internationalen Mammons und wird in Radio, Presse und Kino verramscht. In der stupideren Abteilung der jüngeren Generation mag man darin ein neues Schick sehen, geht es auch nur darum eine Flasche dunkles Bier zu verkaufen. Ihre Kinobesuche haben sie die große Weisheit gelehrt, dass William Powell nicht für ein Bierglas oder einen Löffel an die Theke geht, oder um Mick zu fragen, ob der Bruder am Sonntag zum Spiel erwartet wird. William ist modern und trinkt aus Gläsern mit sehr langem Stiel, in einer Polsterecke mit seiner Tussi. Seine zahllosen Nachäffer (was könnte mieser sein als die Kopie eines zweidimensionalen Kinogeistflachwichsers?) wollen etwas Ähnliches haben, schließlich müssen sie ebenfalls mit Myrna Loy (Lieschen Müller) ausgehen. Der Club ist die noble Antwort des Geschäfts in Dublin.

Heu-te sind viele dieser Läden in der Stadt auch in den Vierteln zu finden, die Leute die von sonst wo kommen, „üble Gegenden“ nennen. Ein paar davon sind richtig gut, andere sind kuriose Travestien von etwas das man Thekenparadies nennen könnte (allerdings aus der Sicht des Wirtes1). Die besseren Lokalitäten sind ruhig und gemütlich, schwach beleuchtet und ein Segen für friedfertige, müde Leute, die einen Wachmacher wollen, ohne angerempelt zu werden und die sich nicht um Trends kümmern oder denken, dass eine Frau mit steilen Klamotten in einer Kneipe Anlass zur Empörung gäbe, die einem das Getränk versalzt.

Die anderen Lokale erfordern eine kümmerliche Kenntnis dessen, was viele Wirte unter dem Wort „modern“ verstehen. Die meinen es bedeute Röhren – Röhrenstühle, der Unkrautvernichter des Kneipeninventars, Halogenlampen, Röhrenlook der Innenausstattung. Wer jemals im Knast saß erkennt sofort die beklagbare Schlichtheit des Dekors sowie der Möbel. Die Hässlichkeit so einer Taverne kann nicht einfach dadurch kompensiert werden, dass sich die meisten Gäste wie Filmstars vorkommen oder dass die Bedienung ein Hotelpage aus New York ist.

Lasst mich hier eine sehr wichtige Banalität ansprechen. Die unteren Bevölkerungsschichten (Autolose und Konsorten) findet man in diesen Läden nicht. Manchmal durch unverschämte Zuschläge auf den bereits horrenden Getränkepreis, allzu oft durch fehlende Pints in der Karte, das einzige zugleich nährende und preiswerte Leichtbier auf dem Markt. Obwohl wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Pinunzen, die jemals von einem Wirt angehäuft wurden, aus dem Verkauf von Porter-Pints (hier -zulande: Becks-Bier) stammen, wird der Biertrinker eisern auf sein Außengehege beschränkt, weit weg vom Trubel und den Polstersesseln, er bekommt noch nicht einmal die hübsche Uhr zu sehen, die keine Ziffern auf dem Blatt trägt, sondern Stundenpunkte. Ein paar Wirte, die mit der ekelhaften, falschen Freundlichkeit ausgestattet sind, die der clevere Schacher für das einfache Volk mit sich bringt, rechtfertigen diesen Schwachsinn mit Begründungen, die sich anzuhören eine Folter wäre (die wir uns hier ersparen). Ein altbackenes Argument ist, dass „die Jungs da nicht mal gegen Bezahlung auflaufen würden“. In einem Land, das sich demokratisch schimpft und in dem Schreiberlinge und Arbeiter in einem Boot sitzen, ist das eine Frechheit, die man auf der jährlichen Lizenzvergabe einmal hinterfragen sollte, selbst wenn „man“ dadurch nur gezwungen würde, seine entzückende Gesellschaftstheorie einmal unters Volk zu bringen.

Man wundert sich, was Mr. James Montgomery davon halten würde. Mr. Montgomery gehört zur erwählten Klasse derer in Dublin, die das Dubliner Szeneleben vergangener Tage kennen und der mit seinem Anteil, welchen ambrosischen Vitamins auch immer, dazu beitrug, diese Generation von Trinkern und Denkern unsterblich zu machen. (Wir, also ich, der Drucker und der Verleger, fragen uns, ob ein Kompliment auch gleichzeitig eine Verleumdung sein kann?) Andere Veteranen, denen man immer noch mit einem Lächeln im Gesicht begegnen kann, sind Seamus O´Sullivan und der berühmte Martin Murphy vom Gaiety Theatre. Falls sie überredet werden könnten die Geschichte zu erzählen (oder sie aufzuschreiben, so wie Leute ihre Nachbarn einladen, um sich über Unaussprechbares zu unterhalten) könnten sie „Die Glocke“ für viele Ausgaben mit Material füllen, die die Zeitung zu einem Standardwerk zum Nachschlagen für jedermann machen würde, der unter der schorfigen Haut von Dublin graben wollte.

Sie könnten von den Anfängen des United Arts Club erzählen, der in Neary´s Kaschemme (oder vielleicht im MacCormack´s in der South King Street) vom wilden Graf Markievicz ersponnen wurde. Wenn du heute in die Chatham Street einbiegst und die Stufen hinter der Neary-Hallen-Tür erklimmst, findest du dich in einem verführerischen Bau wieder (Club lautet die korrekte Bezeichnung) von der der Graf wahrscheinlich nie zu träumen gewagt hat. Hier hatten die Behörden den Verstand, lieber einen echten Künstler zu engagieren, nämlich Mrs. Bradshaw, als einen fernen japanischen Techniker um die Wände mit Bildern in Schwung zu bringen.

Das einzige Etablissement, das einem in diesem Zusammenhang in den Sinn kommt, ist Higgin´s Waterloo Bar am Fuß der Waterloo Road. Hier hatte der weitsichtige Besitzer, dem auch noch ein weiterer Pub in der Pembroke Street gehört und der Kreisler ähnelt, die Erleuchtung Mr. Brendan O´Connor mit dem Design des Clubs zu beauftragen, und Mr. Desmond Rushton seine Marke auf den Wänden zu hinterlassen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Nützlichkeit, (funktionales Irgend-was-oder-Dingsda nennen das die Architekten) Behaglichkeit und Contenance – aber Kein Bier. Hier kann man sie an einem Abend alle sehen, von vorne und von hinten.

Manchmal lässt der Kutscher die Zügel schleifen

Manchmal kehrt ein Ausgestoßener zurück

Oder ´nen Wanderer siehst streifen

Nach Mellary im Augenblick

Davy Byrne´s in der Duke Street, das Bailey Restaurant fast gegenüber und die unterirdische Bodega in der Dame Street sind lizenzierte Kirchen, (Tabernakel) die, geweiht von vergangenen Besuchen von Leuten mit Namen wie Orpen, Gogarty, Griffith, Murphy, Furlong, Montgomery, McKenna, auch Joyce, um nicht den Toucher Doyle zu nennen, den Vogel Flanagan und seinen Verwandten, den Papst. (Wer würde wagen zu behaupten das seien keine gewöhnlichen Namen, die von jedermann getragen werden können?) Alle drei machen ihre Tore immer noch um zehne auf und vielleicht hüten sie sich vor einem zweiten Ruhm – derselbe Aufguss. Sie sind überlaufen von neuen und ur-verwandten Freunden und niemand sieht irgendeine Notwendigkeit auf die Schmeicheleien der Clubs zurückzugreifen. Die Gebäude tragen offen die Spuren ihrer einstigen Gäste zur Schau, wie Spuren frischen Stouts, die nach Stunden von einem Polizisten in einem Glas gefunden werden; aber sie sehen immer noch anständig aus, nicht wie verwüstete Bankett-Hallen.

Die Bar des Ormond-Hotels und das Barney Kiernan´s unten am Kai waren andere Zentren intellektueller Spritzigkeit. Barney´s war ein leiser und ehrwürdiger Tümpel, in dem man einer Diskussion Stunde um Stunde folgen konnte, mit Fässern drumrum, (wie ein Boxring) falls die Fetzen flogen. Fanning´s am Lincoln Place hatte und hat einen ähnlichen Ruhm. Einige der erlauchten Gäste im Fanning´s, den immer gleichen Drink in sich kippend, werden dir vertellen, dass die Unnachgiebigkeit der adäquaten politischen Ansichten des Chefs sein Gequatsche in einen zähen Sermon verwandeln.

Heute wie damals neigen Gesellen mit Federn in die gleiche Bude zu flattern. Grogan´s in der Leeson Street und Higgin´s in der Pembroke Street sind bekannt für die sporadischen Aufwartungen der Studenten des National (Dubliner Universität2). Dreieinigkeitsstudenten (dasselbe, aber nur ein College) tragen sich bei Davy Byrne´s ein. Mulligan´s in der engen Gasse, die am Theatre Royal entlangführt, kümmert sich um geschminkte Damen und Herren – die Theater-Sorte, oft direkt von der Bühne. Die meisten Leute, die mit dem show-biz zu tun haben, finden ihren Weg hierher und Mr. Mulligan hat gerade erst einen neuen Club angemietet um für ihre weitere Unterhaltung und Anerkennung zu sorgen.

Die Palace Bar in der Fleet Street ist das Stammlokal von Journalisten, Schreiberlingen, Malern und jeglich bekannter Künstler- und Klugscheißerbrut. Im ganzen Haus gibt’s Porters aus schicken Bierhumpen. Die Klientel rangiert zwischen abgewrackten, elfenhaften Intellektuellen und fetten Redakteuren, lebend und bei bester Gesundheit. Wenn man sich den Redakteur näher beschaut, sieht man ihn oft mit der Hand ausholen, als hätte er eine tolle Idee. Zumeist handelt es sich dabei aber eher um eine Klaue, die nach Zigaretten grapscht, eine bescheidene Steuer, die von lauschenden Grünschnäbeln gern gezahlt wird. Der Redakteur ist sich seiner Manieren nicht bewusst; er ist König in seinem eigenen Stall und praktiziert sein klassenerhaltendes Vorrecht.

Die grundlegende Struktur der Hackordnung in Clubs wie dem Doran´s in der Marlboro Street und O´Mara´s am Aston Kai scheint Leute anzuziehen, die enorme Geheimnisse auszutauschen haben – Verliebte und so. Das Scotch House am Burgh Kai ist bekannt für Heiterkeit und die gute Farbe seiner Whiskeysorten und seiner Beamten. Kürzlich wurde in den Zeitungen verbreitet, dass das Dolphin Hotel berühmt sei für seine Sportfanatiker und Rennsüchtigen; Pferde hin oder her, es wimmelt jedenfalls vor Velourlederschuhen und Jacken mit zwei Schlägen. Der wahrscheinlich älteste lizenzierte Pub in Dublin ist das Brazen Head Hotel, ein altes Kutscher-Haus unten an den Kais; einmaliges Urlaubsziel von Robert Emmet und den United Irishman. Hier trifft der seltenste Braten auf zehn Jahrhunderte Klüngel. „Professionelle Gentlemen“, wie sie von Gastwirten genannt werden. Doktoren, Rechtsverdreher, Architekten, diese Mischpoke eben – begehen ihre Trinkereien in der Regel im Metropole. Das Red Bank, das Wicklow Hotel, die verschiedenen Mooney´s, Madigan´s in der Earl Street und McArdle´s in der South King Street sind populär für alle Konfessionen und Klassen.

Als viele der spießigen Bonzen von heute noch jünger waren, sprinteten sie manchmal auf Rathfarnham zu, Richtung Parnell Street. Devlin´s, Kennedy´s und Kirwan´s in dieser Passage waren Lokale in denen Miss Ni h-Uallacháin ohne Nachfrage bedient wurde, auch wenn sie nicht mehr im Haus ihres Oheims wohnte und von der Polizei gesucht wurde. Michael Collins hat oft eine Pulle Stout in der Bar vom Vaughn´s Hotel getrunken. Wie Butt O´Connor erzählt, hat er mal im Dan Dunne´s im fernen Donnybrook, beim Rumtorkeln einen Klingelzug mit dem Kopf erwischt. Der Mann des Hauses hat prompt die Kordel abgeschnitten und sie seinen Kunden als sein berühmtestes und wertvollstes Eigentum präsentiert. Heute kann man nicht mal mehr die ausgefranste Kordel sehen, weil die Zeit, der Genosse aller Wirte, das Gasthaus von der Karte geputzt hat.

Um zehn in der Woche und um halb neun am Samstag ebbt die Flut plötzlich ab und verlässt die besoffene und ausgetrocknete Stadt. Falls du nicht in einem Hotel untergekommen bist oder ein Theater besuchst, darfst du dann legal innerhalb des Verwaltungsbezirks keine frei verkäuflichen Alkoholika mehr zu dir nehmen. Die Stadt hat diese heilige Unterbrechung durchgesetzt, diesen kompletten Aussetzer, den man als Sperrstunde kennt. Hier diskriminiert das Gesetz, wie die wahre Club-Seele, aufs schärfste den armen Mann an der Biertheke, da es ja denen, die die Versorgung in der Hand haben, erlaubt, eine Reise in Angriff zu nehmen um sonst wo bis in die Morgenstunden weiter zu saufen. Die Theorie sagt, dass alle Reisenden mit der Postkutsche weiterfahren, nur das die, die draußen sitzen, nach fünf Meilen blau anlaufen vor Kälte und mit heißem Rum in der ersten Unterkunft, auf die sie bei Tag oder Nacht treffen, aufgetaut werden müssen. In der Praxis sieht das so aus, dass Leute beim ersten Anschein von Trunkenheit so schnell vom internen Bringdienst aus der Stadt in die Vororte verfrachtet werden, dass sie kaum merken, sich gerührt zu haben, noch weniger verstehen sie, dass sie gerade in ihren Persönlichkeitsrechten beschnitten und in einer mystischen Verwandlung untergegangen sind. Entweder ist dieses System ein einziger Skandal oder Gottes Gnade hängt davon ab, ob man ein Auto besitzt oder nicht. Zurzeit ist die Stadt von diesen „bona-fide“-Pubs umringt, viele von ihnen sind gut besuchte, moderne Häuser, und ein erheblicher Betrag des Handwerkzeugs landet um eine Uhrzeit in den Mägen der Zecher, zu der der Friedvolle und Gerechte in den Tiefschlaf fällt. Coolock, Tallaght, Templeogue, Suntry, Lucan, Ballydowd, Cabinteely, Shankill, Fox-and-Geese und Stepaside sind ein paar der Örtchen, in denen nachts gefeiert wird. Stepaside war vor einigen Jährchen berühmt-berüchtigt für seine Auseinandersetzung mit Mr. James Whelan, der inzwischen die eine Schluckbude für den anderen Mastbetrieb verwahrlosen ließ. Lamb-Doyle´s, in der Nähe von Ticknok hat er nämlich genauso völlig versaut, obwohl es ein gern angesteuertes Sonntag-Nachmittags-Ziel der Casimir-Markievicz-Bande (s.o.) war. Den Laden gibt’s noch, allerdings unter weiblicher Ägide.

Zurück in die Stadt: es scheint der arme Mann geht nicht immer um Punkt zehn nach Hause. Wenn sein Durst groß genug ist und er den Klopf-Code kennt, besucht er gegebenenfalls noch eine Haus, dessen Eigner, von den Schulden bei der Bank erdrückt, ins illegale Auch-wenn-der-Bürgersteig-schon-hochgeklappt-ist-Geschäft gedrängt wurde. Für den Geschäftsmann wie den Gast bedeutet das ein Leben voller Angst, Husch und Kusch. Das Ohr vom Chef, verfeinert zu einer Wahrnehmung jenseits aller modernen Flugzeugdetektoren, kann die Gedanken des Bullen zwei Strassen weiter lesen. Ist Gefahr im Verzug werden alle Lichter schnell gelöscht und die Gespräche, wie auf Knopfdruck auf null gestellt. Trinker, die in so einer Schule aufgewachsen sind, können dir erzählen, dass man in der tintigen Dunkelheit den Bier- nicht vom Barschgeschmack unterscheiden kann und die Zigarette ohne Qualm keinen Spaß macht. Manchmal macht die Polizei einen Fang. Hier die Art Berichterstattung die dauernd in den Schmierblättern steht:

Wache – sagt, dass er in Begleitung einer anderen Wache die Gebäude gegen 23:45 kontrollierte und ein Licht an der Seitentür bemerkte. Als er klopfte wurde das Licht gelöscht, aber er wurde sechs Minuten lang nicht eingelassen. Als der Angeklagte schließlich öffnete, sei er in einem nervösen Zustand gewesen und habe geschimpft. Es war niemand in der Bar, aber es standen zwei Biergläser mit Spuren frischen Porters auf der Theke. Er fand einen Mann in einer kleinen Nische, in der sich Schalter und ein Gaszähler befanden. Als er versuchte auf den Hof zu kommen, stellte sich ihm der Angeklagte in den Weg und wurde grob. Er verhaftete ihn, aber aufgrund der Krankheit seiner Frau wurde er später wieder auf freien Fuß gesetzt.

Angeklagter: Haben Sie mir in die Fresse gehauen?

Zeuge: Nein.

Angeklagter: Haben Sie mir und meinem Bruder gedroht, uns mit der Mistforke an die Wand zu spießen, falls wir beim nächsten mal die Tür nicht unverzüglich öffnen wenn Sie klopfen?

Zeuge: Nein.

Richter: Sie sehen wie ein wackeres Bürschchen aus. Wie alt sind Sie?

Angeklagter: Ich bin grau wie ein Dachs, aber kaum älter als vierzig. (Gelächter.)

Richter: War ihr Bruder überhaupt anwesend?

Angeklagter: Er war weg nach Kells, wollte sich da ein Mädchen angeln. (Gelächter.)

Richter: Nun, ich denke Sie können gut selbst Bericht erstatten.

Zeuge: Er war sehr aufmüpfig, eure Exzellenz.

Der Zeuge fährt fort, indem er schildert, wie er zwei Personen vor dem Haus stehen sah. Sie gaben an, sich dort wegen einem Jux aufzuhalten. Zeuge berichtet, ein Bierglas draußen in einem Waschbecken gefunden zu haben sowie zwei Flaschen Cairnes3. Der Angeklagte bezeugt, die zwei seien Freunde und man habe sich einen genehmigen wollen. Es sollte aber nichts kosten. Er kenne den Mann aus der Nische nicht und erinnert sich nicht ihn schon vorher gesehen zu haben. Er habe seiner Aushilfe strikte Anweisung gegeben, nach der Sperrstunde niemanden mehr im Lokal zu dulden. Am folgenden Tag, als der Gasmann bestellt war um den Gaszähler abzulesen, befand sich niemand mehr in der Nische. Die zwei Wachen hätten ihn im Lokal total fertig gemacht. Seine Frau habe, bei kranker Gesundheit, seine Unterstützung drei Wochen wegen Schlaflosigkeit in Anspruch genommen. Eine Woche zuvor sei er deshalb gezwungen gewesen die Wache zur rufen, damit sie ihm beim Putzen der Kneipe half. Er führe das Haus nach bestem Gewissen und halte sich genau an die Öffnungszeiten.

Wache – sagte, der Angeklagte sei ein anständiger, hart arbeitender Mann, aber leicht erregbar. Gegen sein Haus lägen keine Beschwerden vor.

Da der Fall ohne Vereidigung verhandelt wurde und der Angeklagte wie ein anständiger Geselle erscheine, verhängte das Gericht eine Strafe von zwanzig Schilling, die Verteidigung nicht mitgerechnet. Lägen keine mildernden Umstände vor, würde man nicht zögern ihn für ein halbes Jahr nach Mountjoy (irischer Knast) zu schicken. Man lobte die Wache – auch – für die gute Polizeiarbeit.

Nicht viele Wirte, egal warum, würden so ein Risiko eingehen. Hätten sie ein Auge auf ihre Seele wie sie es auf ihre Lizenz haben, der Himmel wäre gerammelt voll mit diesen vertraulichen und besorgten Geldmachern und, um ihnen eine Freude zu machen, es könnte Sinn machen den Eingang zum Paradies zu erleichtern, um Porter-Trinker so zu beherbergen, wie es die Situation erfordert.

Aus dem copaleenschen Englisch ins Deutsche übertragen von Thorsten Ramin

(17.12.2009)

Quelle: The Penquin book of modern comic writing
herausgegeben von Patricia Craig (1992)
„The Trade in Dublin“ aus The Bell (Vol.1, No.2, November 1940)

1 Anm. des Übersetzers

2 Anm. des Übersetzers

3 irisches Bier

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