Elsevier — meine Rolle bei seinem Untergang

von William Timothy Gowers

Der holländische Verlag Elsevier veröffentlicht viele der bekanntesten mathematischen Zeitschrifte der Welt, u.a. Advances in Mathematics, Comptes Rendus, Discrete Mathematics, The European Zeitschrift of Combinatorics, Historia Mathematica, Zeitschrift of Algebra, Zeitschrift of Approximation Theory, Zeitschrift of Combinatorics Series A, Zeitschrift of Functional Analysis, Zeitschrift of Geometry and Physics, Zeitschrift of Mathematical Analysis and Applications, Zeitschrift of Number Theory, Topology, and Topology and its Applications. Schon seit vielen Jahren steht er für seine Geschäftspraktiken in der Kritik. Lassen Sie mich die Kritikpunkte kurz zusammenfassen.

1. Er verlangt sehr hohe Preise – so sehr über dem Durchschnitt, dass es schon merkwürdig ist, dass sie damit ungestraft davonkommen.

2. Ein Weg damit davonzukommen ist ein Verfahren namens „Bündelung“, wobei sie, statt den Bibliotheken die Wahl zu überlassen, welches Zeitschrift sie abonnieren wollen, ihnen eine große Auswahl von Zeitschriften anbieten (die sie auswählen), oder gar keins. Sollten also einige Zeitschriften aus dem „Bündel“ für eine Bibliothek unentbehrlich sein, wird diese Bibliothek gezwungen, zu sehr hohen Abo-Kosten für sehr viele Zeitschrifts (im Original) zu unterschreiben, quer durch die Wissenschaften, von denen sie viele nicht wollen. (Die Chaos Zeitschrift, Solitone und Fraktale ist ein berüchtigtes Beispiel für ein Zeitschrift, das viele Mathematiker als Witz betrachten, das aber viele Bibliotheken auf dem gesamten Erdball gleichwohl abonnieren müssen.) Gesetzt dem Fal,l Bibliotheken haben begrenzte Finanzmittel, heißt das regelmäßig, dass sie die Zeitschrifts, die sie abonnieren wollen, nicht abonnieren können, es betrifft also nicht nur Bibliotheken, sondern (auch) andere Verlage, weswegen sie überhaupt derart verfahren.

3. Wenn Bibliotheken versuchen, bessere Verträge auszuhandeln, kappt Elsevier hemmungslos den Zugriff auf alle Zeitschrifts.

4. Elsevier unterstützt viele Maßnahmen, wie das Gesetz zur Forschungsarbeit (Research Works Act), das versucht den Schritt zum freien Zugriff aufzuhalten. Sie unterstützten ebenfalls SOPA (Stop Online Piracy Act) und PIPA (Preventing Real Online Threats to Economic Creativity and Theft of Intellectual Property Act) und leisteten viel Lobbyarbeit für sie.

Ich könnte weitermachen, aber ich lasse es hier.

Es erscheint unerklärbar, dass man das so durchgehen ließ. Schließlich haben sich Mathematiker (und andere Wissenschaftler) seit Langem darüber echauffiert. Warum können wir Elsevier nicht einfach mitteilen, dass wir nicht mehr mit ihnen verlegen wollen?

Nun, die Anwort ist, wir können es. Ein famoses (und kein einzigartiges) Beispiel, dass wir es taten, war die Kündigung der gesamten Redaktionsleitung von Topology und der Gründung von The Zeitschrift of Topology – die Geschichte wird hier in Kürze erzählt. Aber wie obige Liste bekundet, sind derartige Fälle eher die Ausnahme als die Regel, darum besteht weiterhin die grundlegende Frage: Warum lassen wir in diesem überirdischen Ausmaß Fisimatenten mit uns machen, wenn man eigentlich meinen könnte, nichts sei einfacher als es ohne sie zu tun.

Eine mögliche Erklärung ist, dass an der Situation etwas ändern koordiniertes Handeln erfordert. Selbst wenn eine Bibliothek sich weigert Elsevier Zeitschrifts zu abonnieren, werden viele andere meinen, sie können sich nicht weigern, und es wird Elsevier nicht weiter kümmern. Wären aber alle Bibliotheken darauf vorbereitet, sich zu vereinen und gemeinsam zu verhandeln, eine Art entgegengesetze Bündelung – Erkennt diesen Vertrag an oder keiner von uns wird eine eurer Zeitschrifts bestellen – dann wären Elsevieers Gewinne (die, nebenbei gesagt, riesig sind) ernsthaft bedroht. Allerdings ist eine derart gebündelte Koordination der Bibliotheken unwahrscheinlich.

Und Absprachen zwischen Akademikern? Wie wäre es, alle anderen Redaktionsausschüsse von Elsevier stillzulegen, nach dem Muster der Leitung der Zeitschrift of Topology? Tatsächlich weiß ich die Lösung nicht: Ich kann nur annehmen, dass nicht genug Leute in diesen Redaktionsvorständen denken, es lohne sich etwas durchzuexerzieren, das wahrscheinlich lästig ist und Zeit kostet.

Wenn ins Detail gehen nicht hilft, wieso dann nicht ganz oben anfangen? Warum veröffenlicht niemand von uns Beiträge In Elsevier Zeitschrifts? Lassen Sie mich die Fage in diesem Fall beantworten. Ein Beitrag von mir steht in der European Zeitschrift of Combinatorics, den ich vor 20 Jahren abgeliefert habe, lange bevor ich etwas von den Zielen von Elsevier erfuhr. Und, darüber hinaus, ich wusste bis vor ein paar Tagen nicht, dass es sich um eine Zeitschrift von Elsevier handelt. (Ein Grund warum ich zu Beginn die Zeitschrifts aufgelistet habe, war, mich nicht ein zweites Mal entschuldigen zu müssen. Eine vollständige Liste finden Sie hier. (Hinzugefügt am 31. August 2013: Ich habe anschließend herausgefunden, dass die Europäische Zeitschrift für Kombinatorik von einem anderen Verlag herausgegeben wird, Harcourt Brace Jovanovich, der erst von Elsevier übernommen wurde, nachdem mein Beitrag darin veröffentlicht wurde. Damit habe ich also doch nie einen Beitrag an Elsevier gesandt.)

Sobald ich von den Elsevier-Gebaren gehört hatte, traf ich die Gewissenentscheidung nicht in Elsevier Zeitschrifts zu publizieren und hatte ein schlechtes Gewissen, überhaupt mit ihnen zu kooperieren. Ich würde nicht sagen, ich hatte schon abgelehnt, aber würde man mich auffordern in den Vorstand einer Elsever Zeitschrift einzutreten, und ich wüsste nicht genau, ob ich das wollte, dann würde die Tatsache, dass es sich um Elsevier handelte, genügen, und ich wüsste Bescheid. (Das geschah wirklich. Ich war ein bißchen feige und begründete meine Zurückhaltung anderweitig, aber ich sagte es wenigstens.) Ich bin weder bewusst im Vorstand einer Elsevier Zeitschrift, noch war ich es in der Vergangenheit.

Jetzt habe ich jedoch beschlossen, dass mein letzter leiser Versuch nicht genug war. Ich denke, ein weiterer Grund aus dem wir mit Elsevier zusammenarbeiten ist einfach der, dass es oberpeinlich ist, es nicht zu tun. Wenn ich einen Beitrag für Elsevier beurteilen soll, und ich bin sicherlich ein geeigneter Prüfer, dann empfindet man eine Weigerung als Kritik am Redakteur, der mich gefragt hat, und den ich sehr wohl kennen kann. Außerdem denkt man, ich drücke mich und lasse die Autoren leichtsinnig im Stich, die ebenso sehr wohl zu meinem Bekanntenkreis gehören können.

Deswegen ist der moralische Einwand, zugunsten der Weigerung als Person mit Elsevier zu arbeiten, nicht ganz ehrlich. Wären wir tatsächlich so unparteiisch Elseviers Abusus als unglückliche Gegebenheit hinzunehmen, der sich soundso nicht in Luft auflöst, dann wäre da noch der ursprüngliche Einwand, dass mit ihnen kooperieren falsch ist. Ich glaube trotzdem, dass der Missbrauch verschwindet – das Internet wird dafür sorgen – darum ist, denke ich, meine Pflicht-Ausrede hinfällig, weil es im Interesse der mathematischen Gemeinschaft ist, diesen glücklichen Tag sobald als möglich zu erleben. Darum begreife ich auch nicht den Einwand gegen die Verweigerung von Elsevier-Abos, überhaupt nicht.

Ergo werde ich mich von nun an nicht nur weigern, etwas mit Elsevier Zeitschrifts zu tun zu haben, sondern ich spreche das auch öffentlich aus. Ich bin auf keinen Fall der Erste, der dies tut, aber je mehr wir sind, desto sozialverträglicher ist es, und das ist der Hauptgrund für diese Meldung.

Es schwant mir, dass es hilfreich wäre, wenn es eine Website gäbe, auf der Mathematiker, die beschlossen haben auf keinen Fall an Elsevier Zeitschrifts mitzuwirken, elektronisch mit ihren Namen signieren könnten. Ich denke, das würde einige Menschen ermutigen, Stellung zu beziehen, wenn sie sehen könnten, dass viele andere es bereits getan haben, und dass es gut ist diese Stellung öffentlich zu bekunden. Vielleicht existiert eine derartige Seite bereits, in dem Fall möchte ich gern informiert werden um meinen Namen zu adden. Falls es sie jedoch nicht gibt, sollte es recht unschwer sein eine einzurichten, jedoch überhaupt nicht mein Fachgebiet, tut mir leid. Gibt es da draußen jemanden, der es tun würde?

Zurück zum Thema Moral, ich denke nicht, dass es hilfreich ist, Elsevier unmoralisches Verhalten vorzuwerfen: Sie sind ein großer Betrieb und sie wollen ihre Gewinne maximieren, wie Betriebe es tun. Ich beurteile die Meinung als rein praktisch. Ja, sie sind so, wie man es erwartet, aber wir besitzen viel mehr Verhandlungsgewalt als wir derzeit einsetzen, aus dem einfachen Grund, dass wir ihre Dienste gar nicht wirklich brauchen. Dass soll nicht heißen, Moral spielt keine Rolle, aber das Moral-Problem besteht eher zwischen Mathematiker und Mathematiker als zwischen Mathematiker und Elsevier. In aller Kürze: wenn du in Elsevier Zeitschrifts publizierst, machst du es Elsevier leichter etwas zu tun, das akademischen Institutionen schadet, lass es also. (Ich denke an Geschichten, die ich über Mathematiker an den großen Universitäten gehört habe, die von Elsevier abgewürgt wurden. Etwas, das ich nicht weiß, das ich aber gerne wissen würde, ist, ob Mathematiker in Entwicklungsländern es sich überhaupt leisten können, auf Elsevier zuzugreifen. Wenn nicht, dann wäre das ein weiteres gewaltiges Argument, sich ihnen nicht zu beugen.)

Selbst wenn so viele Mathematiker sich weigern würden mit Elsevier zu kooperieren, dass die Qualität ihrer Zeitschrifts sinken würde, wäre Elsevier nicht unbedingt gezwungen seine Taktik zu ändern, denn sie könnten ihre schon immer blödsinnigen Mathematik Zeitschrifts zusammen mit wichtigen Zeitschrifts für Physik, Chemie und Bilogie kombinieren. Es wäre trotzdem eine Macht-Gebärde – vielleicht so mächtig, dass andere Wissenschaften am Ende Farbe bekennen – und die Mathematik hätte zumindest ein Problem weniger.

Zuletzt sei bemerkt, dass Elsevier nicht der einzige Verlag ist, der sich verwerflich aufführt. Allerdings sind sie die Schlimmsten.

P.S.: Für nicht-britische Leser, der Titel dieser Meldung und der vorherigen sind eine indirekte Anspielung auf dieses Buch.

Quelle: https://gowers.wordpress.com/2012/01/21/elsevier-my-part-in-its-downfall/

Ãœbersetzung: Thorsten Ramin